warum stadtFUSSBALLgraz?

Der FC Torpedo Ritter Graz ist ein Hobbyfussballverein, wie jeder andere auch: Rund 30 Hobbykicker im Alter zwischen 20 und 40 Jahren treffen sich einmal wöchentlich um miteinander Sport zu betreiben. Immer wieder, wenn es gerade einmal nicht um Fussball geht, redet man über dies und das und ist immer wieder erstaunt darüber, dass man ‚sich gefunden’ hat. Wir kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen, haben eher selten beruflich etwas miteinander zu tun, sind in Graz geboren, zum Studieren hierher gekommen, des Berufes wegen. Und diese Begegnung mit Leuten, die man ansonsten, wenn man eben nicht eine Mannschaftssportart ausübt, nicht trifft, prolongiert sich bei Spielen gegen andere Teams, bei Turnieren oder bei Freundschaftsspielen, die zwei organisieren, die sich wiederum zufällig kennen. Und dennoch, wir haben über die Jahre festgestellt, dass wir trotzdem irgendwie in unserer eigenen Welt bleiben und haben uns auf die Suche nach den anderen Welten unserer Stadt gemacht. Man liest, hört, redet immer wieder über Integration und fragt sich oft, was das denn mit einem selbst zu tun haben könnte. Wir wollten unsere eigenen  Schritte setzen und einmal anbieten, sich bei ‚uns zu integrieren’. Bei all den schwierigen Fragestellungen zum Thema Integration ist es letztlich immer die Aufforderung an Menschen ‚sich zu integrieren’ ohne viel darauf Rücksicht zu nehmen, dass es erst einmal ein Angebot der Gesellschaft geben muss.

Wir haben auf Eigeninitiative gesetzt und das Jahr 2008, für Österreich das Jahr der Fussballeuropameisterschaft im eigenen Land, als Startpunkt genommen. Wir wollten uns neben den Stars, die als gefeierte Helden nach Österreich gekommen sind und den Fans, die vor allem der heimischen Wirtschaft herzlich willkommen waren, auch mit jenen auseinandersetzen, die schon da waren, die  nicht immer willkommen waren, in den meisten Fällen genau das Gegenteil. Das Ziel war eine Hobbyfussballeuropameisterschaft mit Grazer Nationalmannschaften, gebildet aus SpielerInnen, die in Graz leben, arbeiten und studieren.
Und dann begann die Arbeit: Wo sie finden? Wie sie kontaktieren? Der erste Anlauf war eine Aussendung über den Migrantinnenbeirat mit der Idee die Kulturvereine zu begeistern. Dieser erste Versuch brachte uns zwei Mannschaften:

Griechenland, das über eine gut organisierte Community in Graz verfügt und Bosnien, die sich in der Folge über ihre guten Strukturen schnell formierten. Wir waren enttäuscht und haben andere Wege gesucht, den Kontakt herzustellen, viel persönlichere. Ein Kontakt über die Technische Universität führte uns zu ‚Italien’. Die Südtiroler Hochschülerschaft übernahm den Part und wir hatten unsere erste politisch nicht ganz unbrisante Situation, die aber genau das repräsentierte, was wir mit unseren ‚Nationalmannschaften’ vor hatten. Weitere persönliche Kontakte führten uns zu den Rumänen, die sich zuerst über eine Privatinitiative organisierten, dann jedoch auch mit ihrem Kulturverein – von dem viele Spieler gar nicht wussten, dass es ihn gibt – kooperierten. Der Arbeitskollege unseres ‚österreichischen’ Nationaltrainers ist Kosovare und schaffte es aus Eigeninitiative heraus, eine Mannschaft zu organisieren. Und dann wurde es ein Selbstläufer. Eine Mannschaft für die EJR Mazedonien kam schon über Mundpropaganda dazu. Am Ende waren auch noch eine deutsche, eine türkische und eine slowakische Mannschaft mit von der Partie. Wobei die ‚slowakische’ Mannschaft auch eine Roma-Mannschaft hätte sein können, die Spieler entschieden sich aber für ‚Slowakei’. Diese Mannschaft kam nach intensiven Kontakten mit dem VinziNest in Graz, in dem die ‚organisierten Bettler’ übernachten können, und der Pfarre St. Andrä zustande. Es war viel mehr ‚Arbeit’ gewesen als gedacht: Wir waren in Vierteln, Parks, Lokalen in unserer Stadt, in denen wir zuvor noch nie gewesen waren. Wir waren entsetzt darüber, dass manche Stadtteile praktisch schon Ghettos sind, ohne, dass es jemand weiss oder eigentlich ohne dass wir es wissen, weil wir eben nie dort sind, unsere Lebensmittelpunkte ganz woanders liegen.

Auch zu denen, die wir lange begleitet haben und die es dann doch nicht geschafft haben, sich zu qualifizieren, hatten und haben wir intensiven Kontakt. Die kroatische Eigeninitiative ist ebenso an zu wenigen Spielern gescheitert wie eine sehr motivierte irische. Kontakte zu spanischen und ungarischen Vertretern waren interessant und ließen einige Schlüsse auf die Zustände in Graz zu. Besonders Leid tut es uns heute noch um die serbische Mannschaft, die bis fast ganz zuletzt mit von der Partie war und am Ende wegen ‚politischer’ Gründe nicht teilnehmen konnte oder wollte: die serbische Community in Graz legte sich quer, da eine  kosovarische Mannschaft mitspielte.

Mit solchen politischen Querelen hatten wir nicht gerechnet. Es kam noch viel dicker: Die Mannschaft ‚Mazedonien’ musste schließlich einer Namensänderung in ‚EJR Mazedonien’ zustimmen, da in Graz lebende Griechen ihre Kontakte bis in die griechische Botschaft aktiviert hatten, um diese ‚Provokation’ zu beenden. Wir sind stolz darauf, den Konsens gefunden zu haben, unsere Leute, die Spieler, hatten keine Probleme damit an einem Tisch zu sitzen und auch keine, letztlich bei der stadtEURO gegeneinander zu spielen.
Das waren aber nur die Randerscheinungen, wir hatten regelmäßige Treffen mit den Mannschaftsleitern, um die Regeln und das gemeinsame Ziel genau zu definieren. Das war interkultureller Austausch, wie man ihn sich vorstellt. Und jeder brachte sein eigenes Gepäck mit, von dem er zumeist nicht einmal wusste, dass er es besaß. Es gab vier Vorbereitungsturniere, bei denen sich die Mannschaften kennenlernen konnten, und zwar innerhalb der Mannschaft und mannschaftsübergreifend. Bereits zu diesen Spielen, die wir auf einem Schulsportplatz abwickelten, kamen so viele Fans – Familien, Freunde, Vereinskollegen – dass wir schließlich auch noch Ärger mit den Anrainern bekamen, die für Veranstaltungen dieser Art wenig Verständnis hatten.

Und dann war da noch die Finanzierung. Es gelang uns, den Steirischen Fussballverband zu gewinnen, der uns die Anlage für das Spielwochenende kostenfrei zur Verfügung stellte. Zwei Privatsponsoren (Murauer und die AK) sorgten für verfügbare Mittel. Sehr spät kamen dann auch Zusagen von Land Steiermark und Stadt Graz (jeweils Sport und Soziales), sodass wir selbst nichts mehr zuzahlen mussten. Gelungen war eine Kooperation mit dem stadtmuseum Graz, das eine Fotoausstellung von Christian Jungwirth organisierte. Herr Jungwirth selbst machte mit den Mannschaften ‚Klischee’-Mannschaftsfotos, die unsere Idee, das vorgeblich Trennende so zu überzeichnen, das das Gemeinsame übrig blieb.

Die Veranstaltung gelang, die Ziele wurden erreicht, die Idee blieb. So wandelte sich die stadtEUROPAMEISTERSCHAFTgraz zu stadtFUSSBALLgraz, zu einer Plattform, die alle nutzen konnten, die freundschaftliche ‚Länderspiele’ organisieren wollte. Die Kontakte zu den Mannschaften haben beinahe alle gehalten und so steht heuer die stadtWM an. Der Kreis an Mannschaften soll erweitert werden. Neben allfälligen weiteren europäischen Teams gibt es schon Kontakte zu Brasilien, Nigeria und Ghana. Alle weiteren sind willkommen. Die Finanzierung sieht diesmal nicht so rosig aus, es ist eben nicht das Jahr der FussballEURO in Österreich, aber wir gehen davon aus, dass wir das wieder irgendwie schaffen. Die Stadt Graz hat bereits zugestimmt, uns bei unserer größten Kostenposition, dem Fussballplatz für zwei Tage, zu unterstützen.

stadtFUSSBALLgraz ist aber noch ein bisschen mehr: 2009 haben wir unter dem Projekttitel Häfnkick in der Justizanstalt Karlau gegen eine Allstars-Mannschaft der Insassen gespielt. Ein Sozialkontakt, wie man ihn vielleicht nur über Fussball erreichen kann. Es ist uns gelungen, unseren Weg in Sachen Integration, interkulturellem Austausch, oder wie immer man es nennen will, zu finden. Wir haben viele mitgenommen und die erweiterte Gruppe zählt mittlerweile weit über 300 Personen – ohne Fans.

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